I have no doubt that as pervasively networked intimate computers become common, many of us will enlarge our points of view. When enough people change, modern culture will once again be transformed, as it was during the Renaissance. But given the current state of educational values, I fear that, just as in the 1500s, great numbers of people will not avail themselves of the opportunity for growth and will be left behind. Can society afford to let that happen again?
Alan C. Kay, in: Computers, Networks and Education, 1991
When eras change, systems don’t … at least not until they encounter a disruptive force (in education – the financial climate looks like it may serve this role) that causes individuals to question the value of the assumptions underlying the existing systems.
Unsere Konzepte von ‘Wahrnehmen’, ‘Wissen’, ‘Denken’ … und von ‘Lernen’ sind in Koevolution mit den Medien entstanden, in denen unsere Kultur ihr Wissen gewonnen, gespeichert, verarbeitet und verbreitet hat. Gerade für medientheoretisch Sensibilisierte muss es völlig unwahrscheinlich erscheinen, dass unter den neuen medialen Bedingungen diese Konzeptionen unverändert bestehen bleiben können.
Michael Giesecke, Triadisches Denken und posttypographische Erkenntnistheorie, In: Torsten Meyer/Michael Scheibl/Stephan Münte-Goussar/Timo Meseil/Julia Schawe (Hrsg.): Bildung im Neuen Medium. Wissensformation und digitale Infrastruktur, Münster 2008, S. 62-77. http://www.michael-giesecke.de/giesecke/dokumente/261/Triadisches_Denken.pdf
Das eduCamp 2010 findet in Hamburg am 5. und 6. Februar statt, ausgerichtet vom Medienzentrum der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Schnell waren die Plätze ausgebucht, aber wer Glück hat und keine Chance ungenutzt lassen möchte, kann noch einen Platz über die Warteliste erwischen. Und es macht Sinn, denn erfahrungsgemäß erscheinen ja nie alle angemeldeten Teilnehmer dann auch wirklich.
Außer den für barcamps üblichen Sessions von Teilnehmern wird es eine Podiumsveranstaltung geben, auf der es um Reflexion konzeptioneller Grundlagen geht. Christina Schwalbe wird dieses Podium moderieren und hat die Podiumsgäste vorab um ein Statement gebeten. Diese Idee gefällt mir sehr gut, ermöglicht sie doch viel mehr als in den sonst üblichen Podiumsformaten, dass sich die Teilnehmer vorbereiten können auf das, was ihnen “geboten” wird, und so viel besser sich auch selbst einbringen können. Zur besseren Partizipation an der Diskussion dient auf jeden Fall auch das Fishbowl-Format.
Ich gebe mein Vorab-Statement hier in zwei Versionen ab – die “Message” ist dieselbe, jedoch unterscheiden sie sich vom Inhalt her – klar, sind ja auch verschiedene mediale Formen.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei Ulrike Reinhard, die mit mir das Video “entbunden” hat.
Und hier nun ein ausführlicheres schriftliches Statement:
Das Internet – ein Bildungsraum?
Die Frage ist einerseits schnell beantwortet: “Wo denn sonst soll Bildung im Internetzeitalter stattfinden?” Etwas weiter ausholen muss ich andererseits, um die kurze Antwort zu begründen.
1. Wenn wir die Bedeutung des Internet auf der Stufe 2.0 für die Bildung und dann die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Bildung unter den Bedingungen des Internet ausloten wollen, dann müssen wir uns zunächst darüber klar sein, welche Bedeutung die Medienentwicklung für die Gesellschaft als Ganzes hat, denn das Bildungssystem ist nur ein Subsystem mit einer bestimmten Funktion für das Gesamtsystem. Wir müssen dabei außerdem klären, was wir unter Medien verstehen. Und wir müssen drittens klären, was wir mit Bildung meinen. Danach können wir nützliche Aussagen darüber treffen, wie Bildung und Web 2.0 zusammenhängen.
2. Bedeutung des Medienwandels für die Gesellschaft: Anders als für die Medienpädagogen steht es unter den führenden Medientheoretikern, Medienphilosophen und Medienhistorikern heute außer Frage, dass das Internet sich längst als Leitmedium der Informationsverarbeitung und Kommunikation etabliert hat. Und dabei ist natürlich die Stufe 2.0 mit erfasst. Es ist nicht nötig, dass alle, oder die Mehrheit oder auch nur ein großer Teil der Menschen dieses Medium auf dieser Stufe nutzt, um den Leitmediencharakter zu bestätigen. Giesecke führt überzeugend aus, dass noch bis ins letzte Jahrhundert hinein selbst in den industrialisierten Ländern ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte (zumindest wie wir heute sagen würden, funktionale Analphabeten waren), und das, obwohl das typographische Medium bereits seit Jahrhunderten als Leitmedium etabliert war. Welches Medium Leitmedium der jeweiligen Kultur ist, scheint also nicht davon abzuhängen, ob es alle oder viele nutzen, sondern davon, ob es durch die jeweiligen maßgeblichen Kräfte in der Gesellschaft prämiert wird. Gesetz in der typographischen Gesellschaft ist, was im Bundesgesetzblatt gedruckt veröffentlich ist – selbst wenn es von niemandem gelesen wird außer von den Mitgliedern des Justizsystems.
Historisch analog ist also der Voraussage zuzustimmen: “Wer online unsichtbar ist, hat zukünftig im Beruf pauschal ausgedrückt schlechtere Karten.” Ich bin überzeugt davon, dass schon heute der gesellschaftlich relevante soziale Verkehr in erster Linie im Internet stattfindet und insofern das Internet insgesamt zum wichtigsten Sozialraum – und damit auch zum Lernraum – geworden ist. Unbestreitbar ist, dass die Medienentwicklung zu grundsätzlichen die gesamte Gesellschaft betreffenden Veränderungen geführt hat. Diese Veränderungen sind irreversibel und völlig unabhängig davon, ob die Menschen sie nun emphatisch begrüßen, skeptisch bis wohlwollend beurteilen oder vehement ablehnen. Sie sind so umfassend, dass wir daran einen Transformationsprozess in eine neue Gesellschaftsformation diagnostizieren müssen, ob wir diese nun Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Netzgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, Sinngesellschaft oder Lernkultur (als Begriff für eine neue Kulturstufe der Menschheit) nennen wollen.
Natürlich ist nicht vorauszusehen, wie diese Gesellschaft im einzelnen aussehen wird, wenn sie ihre Konsolidierungsphase erreicht hat. Einige grundsätzlichen Merkmale sind jedoch auch im Übergangsprozess deutlich identifizierbar, weil sie schon gesellschaftlich bedeutsame Praxis geworden sind. Sie werden seit Jahren und spätestens mit der Stufe Web 2.0 übereinstimmend benannt, beschrieben und vielfältig konzeptualisiert. Alle diese Ansätze, ob sie – um nur einige der bekanntesten deutschen Medienwissenschaftler zu nennen – von Giesecke, Sandbothe, Röttgers, Preyer oder Bolz stammen, versuchen den empirisch belegbaren, irreversiblen, ubiquitären globalen Kulturwandel der Menschheitsgeschichte theoretisch zu konzeptualisieren, der nicht nur die gesamten Verhältnisse umwälzt, sondern auch den Menschen selbst radikal verändert. Seine Kommunikationsformen, die Art und Weise, seinen Lebensvollzug zu gestalten, seine Denkprinzipen – die gesamte Art und Weise also, seine menschliche Natur konkret zu realisieren. Dass sich unumkehrbar ein solcher fundamentaler Wandel vollzieht, hat auch Frank Schirrmacher zumindest erahnt, wenn er sagt:
Die Debatte pro-Internet und contra-Internet ist läppisch. Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind.
Der Mensch des Industriezeitalters ist nicht derselbe wie der Mensch des Mittelalters. Wir werden vermutlich als Gattung eben gerade nicht überleben, indem wir bleiben, wer wir sind, sondern indem wir gewissermaßen unsere “Natur” selbst verändern im sozialen Vollzug unseres Lebens mit dem neuen Leitmedium. Die Angst, die Schirrmacher bei dieser Einsicht überfällt, hat vor allem mit einem Mangel an historischem Bewusstsein zu tun. Denn schon mehrfach hat die Menschheit einen solchen radikalen Kulturwandel infolge eines Medienwandels vollzogen – und jedes Mal sind dieselben Ängste dabei aufgetreten, wie wir aus Quellen seit dem Wandel zur skriptographischen Kultur wissen. Und jedes Mal ist “der Mensch” dieser Epoche ein anderer geworden und trotzdem Gattung Mensch geblieben. Die Frage lautet also: Wie können wir andere werden und trotzdem wir selbst bleiben? Zugespitzt lautet die Antwort auf Schirrmachers Frage: Wir müssen andere werden, um die zu bleiben, die wir sind.
3. Als Merkmale der neuen Gesellschaft sind – für unsere Bildungsdiskussion bedeutsam – zu nennen:
Wissen, genauer: Lernen, und zwar reflexives, permanentes und lebenslanges Lernen, wird zur Hauptressource unserer globalen Gesellschaft;
Die Bedeutung von Netzwerken löst die Bedeutsamkeit hierarchischer Organisationsformen ab;
kollaboratives Denken, kooperative Wissensbildung und Simulation als Operationsform der Wissensgenerierung und Problemlösung werden zu den wichtigsten Modi (menschlicher) Tätigkeit;
Lernen wird nicht mehr nur eine individuelle, sondern vor allem eine kollektive Angelegenheit (vernetzter Gehirne);
Systeme müssen lernen, sich an neue Funktionen anpassen und transformieren;
Maschinen übernehmen bestimmte Aspekte des Lernens;
Urteilsfähigkeit, die Fähigkeit zur reflexiven Sinnbildung und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, werden zentrale Kompetenzen.
4. Was sind Medien?
Im Zusammenhang mit diesen Diagnosen steht ein Medienbegriff, der sich von dem im pädagogischen Bereich üblichen unterscheidet. Die meisten Pädagogen – und auch ein großer Teil der Medienpädagogen – verstehen unter einem Medium ein Mittel zum Zweck. Medien sind in dieser Lesart Container, die einen Inhalt speichern und transportieren. Das sogenannte “Vermitteln”, geschieht dann dadurch, dass der, dem vermittelt werden soll, den Container öffnet und den Inhalt “zur Kenntnis” nimmt, den derjenige, der vermitteln will, zuvor eingefüllt hat. Inhalte werden zugestellt wie bei der gelben Post. Zu dem zu transportierenden Inhalt wird die passende Verpackung (= Medium) gesucht. Gerne spezifiziert die Pädagogik außerdem besondere Lernmedien im Unterschied zu den allgemeinen Informations- und Kommunikationsmedien. Letztere sind demnach offenbar nicht ohne Weiteres zum Lernen geeignet. Nur mit einem solchen Medien- und Lernverständnis kann dann gefragt werden: Wie können Web 2.0-Tools wie Twitter oder Blogs als Lernmedien verwendet werden? Und man kommt dann zu solchen Fragestellungen, ob dieser oder jener Stoff (Lerninhalt) besser mit einem Lehrbuch, Heft und Füller gelernt wird oder eventuell auch mit einem Weblog und google gelernt werden könnte. Im letzteren Fall muss dann zusätzlich noch eine Lenkungsmethode erfunden werden, damit auch wirklich der gewünschte Inhalt ins Weblog kommt bzw. aus Google-Ergebnissen herausgefiltert wird, und nicht etwa ein ganz anderer, unerwünschter.
Im Unterschied dazu hat sich in der Medientheorie ein grundsätzlich anderes Medienverständnis entwickelt, in dem Medium nicht als Mittel im Sinne einer Zweck-Mittel-Relation, sondern als notwendige Form verstanden wird, in der sich ein Inhalt überhaupt erst konstituiert, ohne die es diesen Inhalt mithin gar nicht gibt (Kurt Röttgers). Das Medium hinterlässt sozusagen seine Spuren am Inhalt und umgekehrt. Michael Giesecke sagt dazu, wie ich finde, sehr schön: “Am Wissen klebt Medienmaterial”. Wissen ist m. a. W. nicht medienneutral. Wenn man darauf hinweist, dass Form, Medium und Wissen (oder Inhalt) nicht getrennt voneinander zu haben sind, dann wird einem ja immer sofort zugestimmt. Aber trotzdem wird weiterhin fleißig getrennt. Denn die Konsequenzen daraus werden fast nie akzeptiert. Sie lauten nämlich: Im Internetzeitalter muss im Internet gelernt werden, denn hier wird nicht nur methodisch zeitgemäß gelernt, sondern es werden auch ganz andere Dinge gelernt, und es müssen auch ganz andere Dinge gelernt werden, nämlich diejenigen, die in dieser Epoche gebraucht werden.
5. Was ist Bildung und was ist Bildung in Zeiten des Internet?
Ich benutze Bildung nicht in seiner deutschen Begriffstradition, sondern als Synonym zum internationalen Begriff Education. Bildung ist dann das Ergebnis von Lernen. Und zwar dem Lernen dessen, was die jeweilige Gesellschaft bzw. Kultur als zu Lernendes vorgibt, um von ihren Mitgliedern sagen zu können: Sie sind gebildet – they are well educated. Die Verfahrensweise zur Reproduktion menschlicher Gesellschaften bzw. Kulturen wird Lernen genannt. Man kann sich dann sowohl der Definition der Ergebnisse zuwenden als auch dem Prozess: Und in der Tat steht beim Umbruch in eine neue Kultur sowohl das Was, das gelernt werden muss, als auch das Wie zur Neudefinition. Es ist also nicht zu fragen, wie man mit dem Internet jetzt die bisherigen Inhalte besser lernen kann, sondern zu fragen ist, was denn in der Umbruchzeit zu einer neuen Kultur Anderesanders gelernt werden muss als bisher. Über beide Fragen wird heftig diskutiert und muss noch intensiv geforscht werden. Aber zwei Punkte scheinen schon jetzt einigermaßen sicher:
Erstens muss geklärt werden, was nicht mehr gelernt werden muss und unsere Curricula nur völlig überflüssig und dysfunktional belastet. (Beispielsweise müssen wir darüber nachdenken, ob es immer noch nötig und für alle sinnvoll ist, eine Schreibschrift, womöglich noch eine schöne Handschrift zu lernen, oder ob es nicht für alle viel sinnvoller wäre, an der Computertastatur mit Druckbuchstaben alphabetisiert zu werden und auch zu lernen, alle zehn Finger zu benutzen.) Und da Urteilsfähigkeit, reflexive Sinnbildungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit eine immer größere Rolle spielen, ist zweitens natürlich auch zu fragen, ob es überhaupt noch einen für alle gleichen Kanon des Wissens geben kann.
Beispielsweise bringt Howard Rheingold das, was gelernt werden muss, um in der nächsten Zukunft zu bestehen, das heißt letztlich, um die Überlebensprobleme der Menschheit lösen zu können (Klimawandel), auf folgende Punkte, die sozusagen die postmoderne Literacy darstellen und die alten Inhaltkanons der typographischen Kultur ersetzen müssen:
Benötigt wird das verschränkte Zusammenwirken der Fähigkeiten zur
Partizipation durch eigene Kreation
Kollaboration und kollektiver Aktion
kritischer Konsumption und Koproduktion
Network awareness (Netzsensibilität?) = sowohl das Fokussieren auf eine Sache als auch das blitzschnelle Switchen zwischen verschiedenen Fokus sowie das Switchen zwischen einem weiten Überblick und dem nahen Fokus auf ein Detail, verbunden mit der Fähigkeit, zu unterscheiden, wann welcher Aufmerksamkeitsmodus sinnvoll ist.
Diese Fähigkeiten werden schon jetzt in den Web 2.0-Medien erworben. Das heißt nicht, dass sie nur dort überhaupt zu erwerben sind, aber diese Fähigkeiten sind vor allem dort gefordert und werden dort zugleich gefördert. Es bedeutet auch nicht, dass diese Fähigkeiten etwa nur dort gebraucht würden oder nur dort anwendbar sind. In den social media gelernte Fähigkeiten werden auch im “Real Life” gebraucht und angewendet, weil das sogenannte Real Life längst medialisiert ist. So wie in der Moderne der Mensch alle Bildung über Druckerzeugnisse erworben hat, weil die Moderne mit dem Buchdruck medialisiert war, wird die Bildung der postmodernen Gesellschaft im Netz und mit den Bedingungen des Internet und seinen jeweiligen Ausformungen erworben. Das heißt nicht unbedingt, dass die “reale” Welt hinter der simulierten nur zurücktreten wird. Im Gegenteil: Als Lernort wird die “reale” Welt eine neue Bedeutung bekommen, denn die mobilen Endgeräte erlauben eine problemlose Verknüpfung zwischen Realworld und Lernort. Erst sie machen die Einbeziehung potenziell aller Orte als Lernorte möglich. Erst jetzt wird ein forschendes Projektlernen in realen Welten außerhalb der Bildungsgebäude als Hauptlernform (und nicht nur als Ausnahme) möglich. “Mit dem iPhone in den Wald” ist meine Metapher dafür, dass alle Orte virtuell an einen Lernort geholt werden, und umgekehrt alle Orte zu realen Lernorten werden können, indem das kollektive Lernen dorthin getragen wird. Das bedeutet auch, dass die Reduktion der Bildung auf systematisches Lernen und die radikale Abwertung des informellen Lernens, wie sie die Buchgesellschaft mit ihrer Schule vorgenommen hat, aufgehoben wird.
6. Zurück zum Anfang und Fazit: Das Bildungssystem muss sich so transformieren, dass nicht nur das System, sondern auch die Bildung selbst (als Ergebnis von Bildungsprozessen) die Prinzipien des Netzes bzw. der Netzgesellschaft enthält. Nach David Wiley bedeutet dies eine Transformation
vom Analogen zum Digitalen
vom Angebundensein zur Mobilität
von der Isolation zum Verbundensein
vom Allgemeinen zum Persönlichen
vom Konsumieren zum Produzieren
von Geschlossenheit zu Offenheit
Bildung in der Wissensgesellschaft außerhalb des “Internet 2.0″ und seiner Prinzipien ist wie Fisch auf dem Trockenen.
Der Bitte, mich mit einem Blogpost an Literatenmelus Blogaktion Mehr Bildung in Blogs – mitmachen und gewinnen! mit meinen Antworten zu beteiligen, komme ich gerne nach. Ich gehe davon aus, dass mit “Mehr Bildung in Blogs” der Appell gemeint ist, es sollte mehr schulisches Lernen in Blogs stattfinden. Lustig, dass man ein gedrucktes Wörterbuch gewinnen kann. (Ich hätte natürlich viel lieber eine Webcam, ein iPhone oder ein Jahr Upgrade für WordPress, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht …
Melanie fragt:
1. Woran erinnerst Du Dich, wenn Du an Deine Schulzeit zurückdenkst?
Meine Schulzeit zerfiel einerseits in die Zeit, die ich bei meinen Eltern verbringen musste, und andererseits in die, die ich in der Schule verbringen durfte. In der Schule war das Leben leichter, die Kommunikation nicht ganz so undurchschaubar und irritierend und die Beziehungen waren lockerer. Langweilig und anödend waren die Anforderungen, Dinge paukend lernen zu müssen, deren Bedeutung ich nicht verstand und zu denen ich noch viel weniger eine sinnvolle Beziehung herstellen konnte. Das waren solche Fächer wie Mathematik, Latein, Französisch. Weil es ärgerlich war, viel Zeit damit verbringen zu müssen und Fragen nach dem Sinn nicht ernst genommen wurden, habe ich viel gestört und wenig gepaukt. Aus Langeweile habe ich aber mal zu Hause in der lateinischen Grammatik gelesen – es war wohl gerade kein anderes Buch da – und fand heraus, dass wir an der Nase herum geführt worden waren: Es gab im Gegensatz zur Lehreransage sehr wohl ein (einziges) Verb der a-Konjugation, wo das a kurz war. Zum Glück waren einige Lehrer schon modern und freuten sich, wenn man zu Recht etwas zu kritisieren hatte. Und so konnte ich mit solchen Entdeckungen meinen ungenügenden Vokabelschatz ausgleichen.
Deutsch war klasse. Es gab zu lesen und darüber zu sprechen, und man durfte schreiben, allerdings nur, wenn eine Aufsatz-Klassenarbeit angesagt war. Die Lehrerin trug zuweilen Gedichte vor – ein Genuss. Religion gefiel mir, denn man erfuhr wenigstens ein bißchen was darüber, wie Menschen denken. (Philosophie und Soziologie hätte ich gerne gehabt, aber das wußte ich damals noch nicht, denn sie kamen nicht vor.) Geschichte war grauenvoll: Wir hatten ein Vokabelheft, links trugen wir Jahreszahlen ein – rechts die Ereignisse ( von deren Sinn und Bedeutung wir keine Ahnung hatten) – etwa so: 333 v. Chr. – Schlacht bei Issus. – In der Oberstufe erzählte uns die Geschichtslehrerin, wie sie den jeweiligen Gegenstand sah und machte dabei Notizen an der Tafel, die wir ins Heft übernehmen mussten. Sollte es uns je eingefallen sein, zu Hause diese Notizen nachzusehen, hätten wir sie nicht verstanden. Es gab ein Geschichtsbuch mit wenigen winzigen schwarz-weiß-Fotos zur Illustration. Das Geschichtsbuch funktionierte ähnlich wie die Geschichtslehrerin – es war nicht zu verstehen. Spaß gemacht haben außerdem “Turnen” (wo wir uns bis zur Erschöpfung bewegen durften) und Kunst (wo wir selbst gestalten durften, nicht kritisiert, aber beraten wurden). Ansonsten war – wie heute auch – das Beste an der Schule, dass wir in den Pausen mit unseren Freundinnen palavern, im Park spazieren gehen und bei den Fahrradständern rauchen konnten. Das Abitur gab es irgendwie so nebenbei.
2. Welche Medien hast Du im Unterricht kennengelernt und auch selbst genutzt?
Im Unterricht habe ich keine Medien kennengelernt, die ich nicht von zu Hause schon kannte. Alphabetisiert worden bin ich noch mit der Schiefertafel (während es zu Hause Stifte und Papier gab). Ich habe das Quietschen des Griffels noch im Ohr. Man konnte gemobbt werden, indem jemand mit einem Wisch die Hausaufgabe von der Schiefertafel löschte. Danach hatten wir natürlich in der Hauptsache das Medium gedruckte Schriftlichkeit. Das Gedruckte war zuerst eine Fibel, danach Lehrbücher. Ansonsten wurde meist viel mündlich von den Lehrern erzählt. Dabei war vorausgesetzt, dass sowohl das, was erzählt wurde, als auch das, was gedruckt war, identisch mit der Realität war. Objektiv. Zuhause habe ich mit 10 Fingern Schreibmaschine schreiben gelernt. Auf den mechanischen Schreibmaschinen unserer Väter haben wir dann unsere Spirit-Carbon- oder Wachsmatritzen als Druckvorlagen für Schülerzeitungen und Flugblätter hergestellt. Wir nannten das “Vervielfältigen” oder “Abziehen”, aber es war natürlich ein Druckvorgang, zum Teil richtiger Schweinkram. Fotokopierer gab es noch nicht. Im Unterricht kam natürlich weder die Schreibmschine noch der Vervielfältigungsapparat vor. Schüler hatten nichts zu sagen, was vervielfältigenswert war, und schon gar nichts, was hätte an die Öffentlichkeit dringen sollen. Schüler waren Sammelbecken von Lehrerwissen. Häufig musste per “Abfragen” geprüft werden, ob die richtigen Sammlungen auf die richtige Art und Weise in den Gefäßen abgelegt waren, und ob sie sich dort ja nicht irgendwie verselbständigt und verändert hatten.
3. Welche Möglichkeiten siehst Du, die Lehrerausbildung zu verbessern?
Ich sehe vor allem Notwendigkeiten. Mit Verbesserungen alleine wird es nicht mehr getan sein. Ganz sicher wird die Ausbildung (und Fortbildung) die Lehrer instand setzen müssen, die anstehende Transformation des Bildungssystems praktisch zu wuppen. Dazu gehört in erster Linie, dass sich angehende und schon praktizierende Lehrer im bereits gesellschaftlich etablierten Leitmedium Internet bewegen wie der Fisch im Wasser. Ein Lehrer, der die virtuelle Welt als ihm fremde Welt betrachtet, ist eigentlich schon jetzt vergleichbar einem Lehrer des 18./19./20. Jahrhunderts, der selbst nicht liest und schreibt (und es darum auch nicht kann) und auch keine gedruckten Landkarten lesen kann, und der stattdessen den Schülern höchstens beibringen kann, wie man andere Leute nach dem richtigen Weg fragt.
4. Was hältst Du davon, Blogs, Wikis, Podcasts etc. im Unterricht einzusetzen?
Das Internet auf der Stufe Web 2.0 wird immer mehr DER Informations- und Kommunikationsraum, DER Sozialraum der nächsten Zeit. Bildung muss sich natürlich in diesem Raum bewegen, wo denn sonst.
5. Können Online-Angebote die herkömmliche Nachhilfe sinnvoll ergänzen oder sogar ersetzen?
Nachhilfe ist ein komisches Konstrukt. Sie gehört zu einem Bildungssystem, das nicht nur damit lebt, sondern für das es konstitutiv ist, dass es viele TeilnehmerInnen gibt, die im System selbst nicht genügend Bildung erwerben, um ein Zertifikat (für einen Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitspaltz) erlangen zu können. Wer Nachhilfe braucht, weil das Bildungssystem nicht auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, der muss extra bezahlen, damit er nicht durch die Maschen fällt. Die Nachhilfe ist daher eine ambivalente Einrichtung: Einerseits hilft sie, am Ende doch noch im System bleiben zu dürfen, und rettet Einzelne vor dem Absturz durch die Maschen – andererseits stabilisiert sie als Korrekturinstrument das exkludierende System. Wir brauchen jedoch ein Bildungssystem, das für alle funktioniert, ohne dass sich jemand eine Extra-Bildungsdienstleistung hinzukaufen muss. Für den Übergang, bis wir ein solches System haben, finde ich alles sinnvoll, was diese Extra-Bildungsdienstleistung zur Inklusion der einzelnen Betroffenen wenigstens kostenlos macht. Ein Online-”Nachhilfe”-Angebot macht nur Sinn, wenn es die User nichts kostet und wenn es gleichzeitig bessere Pädagogik liefert als der Klassenunterricht, an dessen Unzulänglichkeiten der Nachhilfeschüler ja gescheitert ist. Vermutlich kann dies gut ein Peer-to-Peer-Verfahren mit open access liefern. Schon immer seit es Schule gibt, haben sich die Mitschüler gegenseitig am besten aus der Verständnislosigkeit helfen können. Das findet übrigens schon lange online statt: Schüler chatten am Nachmittag in msn oder skype über ihre Unterrichtsschwierigkeiten, machen zusammen Hausaufgaben und bereiten sich gemeinsam auf die nächste Klassenarbeit/Klausur vor. Sie tun das im Gymnasium in der Oberstufe fast alle. Diese Möglichkeit müsste auch für die Schüler der anderen Schulformen und Schulstufen gegeben und gezeigt werden – während der Schulstunden.
Gerne wird in Zusammenhängen von Bildung und Neuen Medien Karl Fisch zitiert:
We are currently preparing students for jobs and technologies that don’t yet exist … in order to solve problems we don’t even know are problems yet.
Und großes Staunen setzt ein ob der unglaublichen paradox erscheinenden Aufgabe. Vergessen wird dabei jedoch häufig, dass die Zukunft mit ihren zukünftigen Werkzeugen, Berufen und Problemen noch nie im Einzelnen bekannt war, Bildung und Ausbildung also immer unter den Bedingungen und mit den Mitteln der Gegenwart stattfindet.
Die Aufgabe lautet folglich immer: Gegenwärtige Probleme identifizieren und lösen.
Zukunftsfähigkeit erweist sich zunächst darin, den adäquaten Bezugsrahmen zur Problemdefinition zu finden. Nur dann können angemessene Lösungen gefunden und umgesetzt werden.
Das gegenwärtig vordringliche Problem der Menschheit ist der Klimawandel. Er liegt nicht in der Zukunft, sondern hat schon stattgefunden und findet statt. Die Folgen dieses Klimawandels sind schon zu sehen – bisher meist an der Peripherie und noch nicht in den Zentren.
Der Klimawandel ist [...] ein Kulturwandel und ein Ausblick auf künftige Lebensverhältnisse. [...] Wer 2010 zur Welt kommt, kann das Jahr 2100 noch erleben; ohne rasches und entschlossenes Gegensteuern wird die globale Durchschnittstemperatur dann um vier bis sieben Grad Celsius gestiegen sein und unsere Nachkommen eine Atemluft vorfinden, wie sie heute nur in engen und stickigen Unterseebooten herrscht. (Leggewie/ Welzer, S. 10)
Zumindest die Folgen des Problems sind bekannt, sollte es nicht gelöst werden. Der Satz Einsteins, die Probleme seien nicht mit den Denkweisen zu lösen, die sie geschaffen haben, ist zur Zeit viel bedeutsamer als das beeindruckende Zitat von Fisch. Wir – und nicht erst unsere Kinder - müssen tatsächlich neu denken lernen:
Der Unwillen oder die Unfähigkeit, die Endlichkeit der verfügbaren Optionen auch nur zu denken, zeigt die Schwerkraft, die die Vorstellung eines immerwährenden Fortschritts und Aufstiegs in unserem kulturellen Habitus hat. Die Zukunft ist wie jetzt, nur besser. [...] Die Vorstellung, dass die uns vorhergesagte Zukunft knapp bemessen sei, ja schon hinter uns liegen könnte, scheint bizarr – genauso wie die Aussicht, dass, wenn wir jetzt nicht handeln, in zwanzig oder fünfzig Jahren keine Handlungsmöglichkeit mehr besteht. (Leggwie/ Welzer S. 16f)
Gegenwärtig handeln wir jedoch im Gegensatz zu Heinz v. Försters Imperativ “Handle stets so, dass die Zahl deiner Handlungsmöglichkeiten wächst”. Wir minimieren stattdessen die Handlungsmöglichkeiten der nahen Zukunft, wenn wir mit Problemlösungen aufwarten vom Schlage der Abwrackprämie und mit der Vorstellung: in der Wirtschaftskrise erst die Wirtschaft, dann das Klima.
Im zweiten Kapitel wird die wichtige Frage, die das zu lösende gesellschaftliche Problem beschreibt, erörtert: “Denn sie tun nicht, was sie wissen. Warum Umweltbewusstsein und Handeln verschiedene Dinge sind”. Mit der von Welzer schon in seinen früheren Büchern zum Täterhandeln in Genoziden angewandten fruchtbaren Unterscheidung zwischen partikularem und universalistischem Denken kann die Ursache verstanden werden.
Obwohl schon Anfang der 70er Jahre die Grenzen des Wachstums durch den Club of Rome deutlich aufgezeigt worden waren, ist selbst heute, mehr als 35 Jahre später und mit deutlichen Konsequenzen ein adäquates politisches Handeln noch nicht in Sicht. Die Ursachen dafür benennen Welzer und Leggewie im dritten Kapitel. Sie liegen in einem falschen Problemverständnis. Zitat Dirk Baecker:
“Ihren Dreck produziert die Gesellschaft auf einer Ebene erster Ordnung. Sie tut, was sie tut, und sie tut es lo lange, wie es nicht auffällt beziehungsweise wie die Beobachter auf Abstand gehalten werden können. Ihre Lösungen jedoch kann die Gesellschaft nur auf einer Ebene zweiter Ordnung produzieren.” (Dirk Baecker: Die große Moderation des Klimawandels, die tageszeitung v. 17.2.2007, S. 21)
Da ist er wieder, der Einstein, diesmal in der Sprache der Systemtheorie.
Welzer/Leggewie identifizieren eine Krise der Weltgesellschaft und nennen sie eine
Metakrise, ein[en] Zustand, in dem das System selbst gefährdet ist, weshalb wir den Bezugsrahmen verändern müssen, in dem wir es betrachten. [...] Der Klimawandel wirft die Systemfrage auf. [...] Klima- und Wirtschaftskrise entspringen dem gleichen Muster organisierter Unverantwortlichkeit. (101ff)
Marktlogik, Wachstum als quantitative Größe und Geo-Engineering als Lösungsansatz in der Optimierungslogik (dem alten Denken) kommen auf den Prüfstand und werden als Teil des Problems identifiziert.
Im vierten Kapitel wird die bekannte These diskutiert, ein Umdenken und ein adäquates Handeln sei nur in einer Rückkehr zur autoritären Herrschaft und mit topdown-verordneten Lösungen möglich, – und verworfen. Im Gegenteil – so die Autoren,
bleibt die einzige ernsthafte Alternative: mehr Demokratie wagen. Bruno S. Frey hat gezeigt, dass es der “Prozessnutzen” ist, was Menschen an der Demokratie schätzen, [...] also das Interesse und die Freude daran, auf Ergebnisse Einfluss nehmen zu können – und der ist eine extrem wichtige Vitalisierungsquelle der Demokratie. [...] Ähnliches erlebt man bei Arbeitsfreude, einer würdigen und kollegialen Behandlung durch Vorgesetzte, einem fairen Fußballspiel, beim Zünden einer Idee. (S. 172)
Wachstum muss also neu qualitativ anstatt quanitativ begriffen werden. Wir steigern das Bruttosozialglück fordert die sonntaz und meint dasselbe. Es geht um ein Umdenken von einer Verzichtslogik zu einer Logik der Steigerung von Lebensqualität. Im fünften Kapitel zeigen Welzer/Leggewie , dass die einzige Möglichkeit der Problemlösung in einer kulturellen Revolution, einer Großen Transformation, besteht. Verstanden werden muss sie dazu nicht nur als “Veränderungszumutung” sondern auch als “Veränderungschance“, als “ureigenes Projekt [ ], das die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht besser machen kann als sie ist.” (174)
Dass diese Lösungsdefinition nicht idealistisches Wunschdenken oder bloß normativer Appell ist, sondern reale Möglichkeit, belegen Welzer/Leggewie mit vielen Beispielen – nicht zuletzt aus dem Bereich der eDemocracy 2.0. Trotzdem schließen sie das Kapitel mit einer Werbung für den neuen Habitus, der ich mich anschließen möchte:
Die APO 2.0 zielt auf die Renaissance des Gemeinwesens, sie ist keine Organisation, sondern eine Haltung. Eine solche Bewegung ist weniger von Karl Marx inspiriert als von Joseph Beuys und seinem Leitspruch La Rivoluzione siamo Noi – Die Revolution sind wir. Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Leitkultur der Vergeudung von gestern ist und etwas zu ihrer Abschaffung beitragen wollen, dann machen Sie bitte einfach mit.
Normalerweise schreibe ich hier, wenn ich selbst etwas sagen möchte.
Jetzt möchte ich einfach mal etwas weiterverbreiten, von dem ich hoch begeistert bin, weil es etwas, wofür ich viele Sätze bräuchte, perfekt auf den Punkt bringt:
Warum die, die das Internet nicht raffen, das Internet nicht raffen
sprang mir heute in twitter ins Auge. Nix wie hin, denn eine zutreffende Antwort auf diese Frage ist nicht nur wichtig in der Auseinandersetzung mit den Medienskeptikern oder für das Verständnis, warum Web 2.0 so schwer in der Schule zu implementieren ist.
In dem wunderbaren Text von live.hackr wird darüber hinaus noch deutlich, worin das Hauptmerkmal der Informationsgesellschaft/”Lernkultur”/Wissensgesellschaft liegen wird:
Die Menschen und sozialen Systeme werden alle haben müssen, was bis jetzt nur die internet residents haben, und was denen, “die es nicht raffen”, auf jeden Fall fehlt:
der grund dafür ist, dass ihnen das organ fehlt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.
Ein Organ zur Beurteilung. Man kann es wirklich ein neues Organ nennen, das als funktionelles System im Gehirn gebildet werden muss – offenbar durch die Tätigkeit der adäquaten Nutzung des Internets. Und es ist offenbar ein Glücksorgan:
die größten glücksgefühle entstehen im einen selbst überraschenden übergang von vermeintlich unwichtigem in persönlich wichtiges, …
So schön habe ich den Vorgang der Sinnbildung noch nicht beschrieben gehört.
Zur Präzisierung, worum es geht, bringt es der Kommentar von doren sehr schön auf den Punkt :
Man sollte betonen dass das bedeutet dass sie aus einer Welt kommen in der ANDERE für sie entscheiden was wichtig ist. [...] Man kann sich darauf einstellen mit welcher Gewalt solche Menschen ihr System aufrechterhalten wollen.
Die möchten nicht selber lernen wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden – die möchten das jemand für sie das Internet zensiert. Ganz dringend. [...] Jemand muss doch BESTIMMEN was wichtig ist und was nicht.
Ganz genau. Es handelt von persönlichem Sinn, Selbstbestimmung und Demokratie.
Eigentlich gehört das post samt Kommentar in jedes dieser “Manifeste”, die so beliebt geworden sind.
Ich bin richtig glücklich, dass ich das im Internet gefunden habe und von Unwichtigem unterscheiden konnte.
Kürzlich stellte unser Medienpädagogik-Team den Kollegen in der Fortbildung seine Fortbildungswerkstatt (früher “Trainings”) für die Lehrer vor. Mich hat sie wirklich sehr überzeugt, und ich wünsche sie möglichst vielen Schulen, denn die Anforderungen sind niedrigschwellig und auch Lehrer, die noch nicht viel mit dem Computer arbeiten (auch nicht für sich selbst) können sich zutrauen, damit im Unterricht erste Erfahrungen zu machen. Die Lehrer lernen, wie sie selbst und anschließend mit den Schülern Netzrecherche üben, Gefundenes bewerten und anschließend zu einer Präsentation aufbereiten können. Auch eine Geschichte wird erarbeitet und als Hörspiel in einem Podcast präsentiert. Ein schönes Einsteigerprogramm!
In der Diskussion dieses Werkstattmodells hat mich der Einwand einer Kollegin nachdenklich gemacht: Sie fragte, ob denn so ein Podcast unbedingt nötig sei. Es wäre vielleicht was für Darstellendes Spiel, aber für andere Fächer …
Abgesehen davon, dass wir älteren Lehrer Lernen viel zu sehr textfixiert betrachten (Schüler lesen, geben schriftlich wieder, hören, geben mündlich wieder …), scheint mir dabei noch ein anderes Problem sichtbar zu werden.
Dass Lernen etwas mit “Verinnerlichen” von Wissen zu tun hat (Internalisieren), wissen die meisten. Dass dieses Nachinnennehmen jedoch nicht direkt geht, sondern ein Prozess der Verinnerlichung einer zuvor äußerlichen Tätigkeit ist, das ist schon weniger bekannt. (Wir können dies nachvollziehen an dem Umstand, dass Lesen lernen zunächst immer laut sprechend vor sich gehen muss, dabei auch noch vom Finger unterstützt, der in der Zeile zeigt, wo es lang geht, anschließend werden nur noch lautlos die Lippen bewegt, bis schließlich vollständig Lesen gelernt ist, indem der Leser erst nur noch innerlich “spricht”, später gar nicht mehr, und weder die Tätigkeit von Lippen noch Fingern nötig ist.)
Vygotskij, auf den diese Erkenntnis zurückgeht, hat jedoch auch noch etwas anderes herausgefunden. Nämlich, dass es zum erfolgreichen Lernen auch noch der Externalisierung bedarf, d.h. des Produzierens von neuen Gegenständen, der kreativen Vergegenständlichung von Wissen. Genauer: Lernprozesse sind ein beständiger Wechsel zwischen Interiorisierung (Verstehen) und Externalisierung (Schöpfungsprozesse der Vergegenständlichung). Exteriorisierungen können alle Sinne berücksichtigen und jedes mögliche Medium benutzen (alle z.B. in einem Blog). Die Umformung von kognitivem Wissen – etwa über den Klimawandel – in ein Hörspiel vergegenständlicht dabei nicht nur das interiorisierte Wissen, sondern verarbeitet es in neuen Kontexten mit Urteilen und Einstellungen zu wirklich neuem Wissen.
Wichtig scheint mir außerdem dabei zu sein: Dieses neue Produkt – sei es ein selbst geschriebener Essay (“Besinnungsaufsatz”) , eine Theaterszene, ein kleines Video oder eben ein Podcast – ist nicht das “Endprodukt”, sondern kann wieder zur Diskussion gestellt werden. Dem Produktionsteam, der Klasse, den Eltern auf dem Elternabend, der ganzen Schule oder sogar der außerschulischen Öffentlichkeit. Es befördert neue Lernschleifen enorm, wenn über die Präsentation Kommunikationen entsteht und die Produzenten mit neuen Fragen konfrontiert werden, die sie lösen wollen.
In meiner Schulzeit haben wir immerfort nur Gehörtes und Gelesenes auf Abfrage wiedergegeben. Selten durften wir eigenes produzieren. Die einzige Möglichkeit war der Deutschaufsatz – darum habe ich schreiben gelernt. Was hätte ich sonst tun können? Dann kamen mit der Oberstufenreform der 70er Jahre die Referate. (Dies erwischte mich erst an der Uni.) Es wurde Geschriebenes vorgetragen, oft vorgelesen. Später durften die Schüler auch mal auf einem Plakat etwas visualisieren, als diejenigen Lehrer wurden, die in der Zeit der Studentenbewegung gelernt hatten, große Plakate zu gestalten. Und mit Powerpoint und den Web 2.0 – Medien schließlich stehen den Schülern Präsentationsmöglichkeiten zu Verfügung, die sowohl Visualisierungen mit Bildern und Grafiken, als auch Videos und eingebettete Audios ermöglichen. Endlich ist das Zeitalter des Externalisierens beim Lernen angebrochen. Mit allen Sinnen. Kreativ. Einfach zu realisieren. Und in allen Fächern und für alle Lerngegenstände sinnvoll anzuwenden und ab jetzt unverzichtbar.
Externalisiert haben schon immer die künstlerischen Fächer. Es wird Theater gespielt, Bilder werden gemalt, Skulpturen geschaffen und die Schulband tritt auf mit ihren fleißig geprobten Stücken.
Ein Kollege, der viel Theater gespielt hat mit seinen Schülern, machte mich neulich auf etwas Wichtiges aufmerksam: In den künstlerischen Fächern sind Schüler und Lehrer es gewohnt, Fertiges vorzuführen. Fertige Bilder werden ausgehängt, die fertig geprobten Szenen werden am Theaterabend gezeigt und das fertige Weihnachtsmärchen mit Musik aufgeführt. Das externalisierte Produkt steht am Ende des Lernprozesses. Alles das ist jedoch nie etwas Fertiges. Wir merken das schmerzlich, wenn die Blockflöten an der falschen Stelle piepen oder das Drama allzu laienspielmäßig geraten ist. Wie soll auch! Die Schüler sind keine professionellen Schauspieler, Musiker und Tänzer – und die Lehrer keine professionellen Regisseure und Dirigienten. Es ist also in Wirklichkeit auch alles vermeintlich “Fertige” immer etwas Vorläufiges – ein Zwischenprodukt der Lerntätigkeit. Wenn wir uns mehr trauen würden, solche Zwischenprodukte zur Diskussion zu stellen, dann könnten sie großartige Lernanlässe abgeben.
“Soweit sind wir gekommen” könnte die Einleitung zu einer Präsentation des Zwischenergebnisses vor der Klasse, vor Eltern, vor dem Parallelkurs Darstellendes Spiel sein. “Bitte sagt uns, was ihr davon haltet und macht Vorschläge zur Verbesserung!” könnte das Schmoren im jeweils eigenen Saft und die Fixierung auf den einen Lehrer aufheben. Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Promovierende ihre Dissertation schon in einem frühen Stadium auf Tagungen als “Poster” zur Diskussion stellen, um sich bei KollegInnen Anregungen zur Lösung von Problemen zu holen oder um überhaupt mal zu testen, ob die Idee und die Anlage der Arbeit trägt und ihre Vergegenständlichung / Präsentation verständlich und sinnvoll ist.
Wir müssen auch in der Schule viel mehr Externalisierung in die Lernprozesse einbauen. Und zwar nicht erst, wenn abgefragt wird im Test oder in der Klausur, und dann kommt der nächste Lerngegenstand, sondern an vielen Stellen als notwendige Phasen des Lernprozesses selbst. Zur Klärung, zur Diskussion, zur Weiterarbeit. Kunstlehrer lassen schon immer Skizzen anfertigen und stellen sie zur Diskussion. Aber diese Art des Lernens kann auf andere Fächer übertragen werden. Wenn die SchülerInnen ihren Stadtteil erforschen und dabei Interviewmaterial im Voicerecorder gesammelt haben, können sie anschließend das Material verarbeiten zu einem präsentierbaren Podcast, in dem sie selbst sprechen und sorgfältig ausgewählte Interviewpassagen als O-Töne einbinden. Und die Zuhörer lernen, auf die Präsentation zu reagieren: Wie war das Problem dargestellt? Ist wichtiges unverständlich geblieben oder gar nicht angesprochen worden? Welche neuen Fragen sind entstanden, die wir unbedingt noch klären wollen?
Zu sehen ist daran auch: Ständiges Bewerten und Benoten solcher Externalisierungen hemmt in jeder Hinsicht den Lernprozess. Schüler klatschen bei jeder Präsentation ihrer Klassenkameraden und vermeiden kritische Rückfragen, damit sie ihren Freunden nicht schaden. (Und das gehört sich so und passt zum System.) Wenn ein Produkt das Ende der Unterrichtseinheit ist, gibt es nur noch eine Note dafür, aber man kann nicht mehr viel draus lernen, nichts mehr verbessern, sich nicht mehr selbst korrigieren und vervollkommnen. Ein blödes Gefühl. Man sollte viel mehr Zwischenprodukte präsentieren dürfen, um daran zu lernen, indem man Feedback zu nutzen lernt. Wenn man die Chance nicht hat, dann ist jedes Produkt ein Endprodukt und das Ende des Lernens zu diesem Thema – besiegelt mit einer unveränderlichen Ziffernote.
Ja klar, “soviel Zeit haben wir nicht, um jedes Thema so ausführlich zu unterrichten”, “der Lehrplan ist zu voll”, “wir müssen weiter, um alle Zentralabiturthemen bearbeitet zu haben”. Solche Einwände haben unbedingt ihre Berechtigung, denn es ist die Logik der Kanon-Schule. Wenn aber erst mal im Lehrplan steht: “Selbstrecherchiertes Wissen zu einem selbstgewählten Gegenstand Externalisieren können und aus dem Feedback des Auditoriums auf die Präsentation Hinweise zur Verbesserung entnehmen und umsetzen können” anstatt “Die Schüler kennen Karl den Großen und wissen um seine Bedutung für die Entstehung des Deutschen Reiches”, dann sind wir schon einen großen Schritt weiter. In Hamburg soll jedenfalls der erste Jahrgang der Profiloberstufe im mündlichen Abitur demnächst nicht mehr Prüfungsfragen beantworten, sondern Wissen präsentieren. Nun muss ein nicht unerheblicher Teil der Lehrer erst mal selbst seine Präsentationskompetenz kritisch durchsehen und verbessern. Und dann lernen, wie er Schülern soetwas beibringt. Viel neues zu Lernen für alle! Hoffentlich gibt es auch Zeit dafür! Ich bin gespannt!
Vor zwei Jahren machte ich Bekanntschaft mit der Schülerfirma ONO-Systems. Einige Schüler der Otto-Nagel-Oberschule in Berlin-Bisdorf hatten im Informatikunterricht eine umfangreiche Software für Schülerfeedback entwickelt, an der eigenen Schule erprobt und in Hamburg vorgestellt. Inzwischen arbeiten in Hamburg schon einige Schulen erfolgreich mit diesem elaborierten Feedbacksystem.
Inzwischen sind jedoch auch die innovativen Schüler keine Schüler mehr, sondern erfolgreiche Studenten, z.T. auch im Ausland beschäftigt und global verteilt. Die Schülerfirma war daher schwer zu managen. So kam es, dass in der letzten Zeit leider viele, die durch meinem Blogpost vor zwei Jahren auf ONO-Systems aufmerksam wurden, enttäuscht wurden, wenn sie über den Link zur Feedback-Software finden wollten.
Ich habe darum nach den ehemaligen Schülern gesucht. Ich hatte Glück: Juliane Sparre, eine der Entwicklerinnen, hat sich bei mir gemeldet. Die Schülerfeedback-Software und Support sind weiterhin erhältlich – allerdings nicht mehr über die ehemalige Schülerfirma sondern über das Portal http://www.evaluieren.eu/. Dort haben allerdings momentan nur diejenigen Zugang, die diese Software schon erworben haben. Frau Sparre teilte jedoch mit, dass die Software demnächst kostenlos online erhältlich sein wird:
Da wir alle durch unser Studium für die Firma immer weniger Zeit haben, haben wir beschlossen, das Umfragesystem kostenlos für alle zugänglich zu machen.
Das heißt, wir werden in der nächsten Zeit daran arbeiten, den Registriervorgang zu automatisieren, sodass sich Schulen und Projekte selbstständig anmelden und die Umfragen selbstständig durchführen können.
Voraussichtlich kann mit der Version für den Selbstgebrauch in ca. einem halben Jahr gerechnet werden.
Ich werde mich auf dem Laufenden halten lassen und hier berichten, wenn es soweit ist.